40–50 % des Gesamtaufwands eines Entwicklungsprojekts entstehen durch vermeidbare Nacharbeit. Nicht durch technische Schwierigkeit — durch Nacharbeit. Die Ursachen sind seit Jahrzehnten dokumentiert:
- Mangelhafte Entwicklungsprozesse
- Fehlende Systemarchitektur
- Ignoriertes Risikomanagement
- Das Gleiche gilt für Organisation: 40–50 % weniger Aufwand sind erreichbar — wenn man die Grundlagen korrekt anwendet.
Bewertungslegende
✅ Empirisch belegt durch unabhängige Studien
⚠️ Anekdotisch / Selbstberichte, nicht kontrolliert
❌ Widerlegt oder empirisch nicht belegbar
1. Requirements Engineering (klassisch)
- Nutzen laut Industrie: Fehler früh finden, Nacharbeit reduzieren
- Nutzen empirisch belegt: ✅ JA — Fehlerkosten steigen Faktor 10–100× je später sie gefunden werden (Boehm, 1981 + 2001)
- Einführungskosten: 15.000–60.000 €
- Betriebsaufwand: 10–20 % Projektaufwand
- Realer ROI: ✅ 3:1 bis 10:1 bei vollständiger Umsetzung
- Warum es scheitert: Lastenheft wird nach Kick-off nie wieder geöffnet. Kein Traceability. Keine Pflege.
2. FMEA (Failure Mode and Effects Analysis)
- Nutzen laut Industrie: Fehler vor Auftreten erkennen, Risiken quantifizieren
- Nutzen empirisch belegt: ✅ JA — in Luft-/Raumfahrt und Medizintechnik klar nachgewiesen (NASA, FAA, FDA)
- Einführungskosten: 5.000–30.000 €
- Betriebsaufwand: 5–15 % Entwicklungsaufwand
- Realer ROI: ✅ Hoch — nur wenn Funktionen korrekt modelliert und Maßnahmen rückgekoppelt
- Warum es scheitert: Excel-FMEA für den Audit. RPZ als Absolutwert. Keine Verbindung zum Design.
- Kosten des Scheiterns: Boeing 737 MAX: ~20 Mrd. USD. Prozesskonformität ohne Systemverständnis.
3. Agile / Scrum
- Nutzen laut Industrie: Schnellere Lieferung, höhere Anpassungsfähigkeit
- Nutzen empirisch belegt: ⚠️ BEDINGT — für kleine Software-Teams mit hoher Änderungsrate belegt. Sonst: Selbstberichte.
- Einführungskosten: 20.000–150.000 €
- Betriebsaufwand: 15–25 % Overhead durch Zeremonien
- Realer ROI: ⚠️ Kugler-Studie: Projektversagen bei regelkonformer Anwendung. Erfolg durch „Rosinenpicken".
- Eigentliches Problem: Löst kein Requirements-Problem. Versteckt es hinter Sprints.
4. SAFe (Scaled Agile Framework)
- Nutzen laut Industrie: Agile Skalierung auf Unternehmensebene
- Nutzen empirisch belegt: ❌ NEIN — keine unabhängigen Studien. Alle Belege vom Anbieter selbst.
- Einführungskosten: 200.000–2.000.000 €
- Betriebsaufwand: 20–40 % Overhead
- Realer ROI: ❌ Nicht dokumentiert. Mehrere Großprojekte gescheitert.
- Häufigster Effekt: Planungsaufwand steigt. Liefergeschwindigkeit sinkt. Zufriedenheit sinkt nach 12–18 Monaten.
5. CMMI / SPICE
- Nutzen laut Industrie: Prozessreife messen, Qualität verbessern
- Nutzen empirisch belegt: ⚠️ SCHWACH — Korrelation zwischen Reifegrad und Produktqualität inkonsistent
- Einführungskosten: 50.000–500.000 €
- Realer ROI: ⚠️ Prozesskonformität ≠ Produktqualität. CMMI Level 3 war bei Boeing 737 MAX aktiv.
6. ISO 9001
- Nutzen laut Industrie: Qualitätsmanagementsystem, Marktvoraussetzung
- Nutzen empirisch belegt: ⚠️ Als Marktvoraussetzung: JA. Als Qualitätstreiber: nur wenn operativ integriert.
- Einführungskosten: 15.000–80.000 €
- Betriebsaufwand: 5.000–30.000 €/Jahr
- Realer ROI: ❌ Als Audit-Projekt behandelt: negativer ROI. 80 % des Handbuchs wird nicht gelebt.
7. OKR (Objectives and Key Results)
- Nutzen laut Industrie: Zielausrichtung, Transparenz, Fokus
- Nutzen empirisch belegt: ❌ NEIN — Google verwendete OKR und war erfolgreich. Kein Kausalnachweis.
- Einführungskosten: 10.000–50.000 €
- Realer ROI: ⚠️ Führt häufig zu kurzfristiger Metrik-Optimierung auf Kosten von Systemqualität.
8. Lean / Toyota Production System
- Nutzen laut Industrie: Verschwendung eliminieren, Fluss maximieren, Qualität einbauen
- Nutzen empirisch belegt: ✅ JA — Toyota über Jahrzehnte. Messbar in Durchlaufzeit, Fehlerrate, Lagerkosten.
- Einführungskosten: 30.000–200.000 €
- Realer ROI: ✅ 20–50 % Kostensenkung bei konsequenter Anwendung
- Warum es scheitert: Lean als Kostensenkungsprogramm = Stellenabbau-Rechtfertigung. Das ist kein Lean.
9. TRIZ
- Nutzen laut Industrie: Systematische Problemlösung und Innovation
- Nutzen empirisch belegt: ✅ JA — Analyse von 400.000 Patenten. 40 Lösungsprinzipien empirisch abgeleitet.
- Einführungskosten: 5.000–20.000 €
- Realer ROI: ✅ Hoch — wenn angewendet. Existiert seit 1947. Wird kaum gelehrt.
10. Enterprise Architecture (TOGAF, Zachman)
- Nutzen laut Industrie: Unternehmensweite Architektur harmonisieren
- Nutzen empirisch belegt: ❌ NEIN — Gartner 2007: 40 % gestoppt bis 2012. Erasmus 2008: 2/3 gescheitert. Jacobson 2007: „Fast alle fehlgeschlagen."
- Einführungskosten: 100.000–5.000.000 €
- Realer ROI: ❌ Negativ in der Mehrheit der Fälle.
Zusammenfassung
- ○
- Requirements Engineering — 15–60k€ — ✅ hoch — ✅ wenn traceabel
- FMEA — 5–30k€ — ✅ hoch — ⚠️ nicht als Excel
- Agile/Scrum — 20–150k€ — ⚠️ bedingt — ⚠️ Rosinenpicken
- SAFe — 200k–2M€ — ❌ — ❌ negativ
- CMMI/SPICE — 50–500k€ — ⚠️ schwach — ⚠️ ohne Basis
- ISO 9001 — 15–80k€ — ⚠️ — ❌ als Audit-Projekt
- OKR — 10–50k€ — ❌ — ⚠️ kurzfristig
- Lean/TPS — 30–200k€ — ✅ hoch — ✅ mit Systemdenken
- TRIZ — 5–20k€ — ✅ hoch — ✅ wenn angewendet
- Enterprise Architecture — 100k–5M€ — ❌ — ❌ Mehrheit scheitert
Was bleibt
Nach Abzug aller opinion-driven Methoden bleiben drei nachgewiesene Grundprinzipien:
RTFM — Read the Actual Requirements.
Wer die Realität nicht liest, entscheidet auf Basis von Meinung.
Echtes Requirements Engineering
Zweck vor Lösung. Wer nicht weiß was gebraucht wird, kann es nicht liefern.
Einnahmen > Ausgaben —
immer, ohne Ausnahme. Das ist keine Wirtschaftstheorie. Das ist Physik.
Alle anderen Methoden sind Implementierungen dieser drei Prinzipien unter spezifischen Rahmenbedingungen. Wenn die Rahmenbedingungen sich ändern, müssen die Implementierungen sich ändern. Die Prinzipien nicht.
